Noch bevor der Schatten Berlusconis wieder über Italien fiel, gab sich die Modebranche in Mailand dem Wunsch hin, dass es wirtschaftlich wieder bergauf geht. Die Scharen chinesischer Einkäufer nährten diesen Traum. Gefeiert und umjubelt wurde Mode „Made in Italy“.

Milano Moda Donna: Immer eine Hommage an „Made in Italy“

Insgesamt wurden vom 20. bis 26. Februar 2013 über 127 Kollektionen in Mailand gezeigt. Es gab 71 Schauen (davon sieben doppelt) und 60 Präsentationen. Neben den großen Modehäusern wie Gucci, Versace, Prada, Armani, Emilio Pucci oder Dolce & Gabana, zeigten im Rahmen des N.U.De. – New Upcoming Designers auch vielversprechende Nachwuchstalente ihre Herbst/Winterkollektionen.

Die Mailänder Fashion Week ist für Italien ein wichtiger Wirtschaftszweig geworden. Nach Schätzungen der Handelskammer erbringt Mailands Modeindustrie jährlich ein Gesamtumsatzvolumen von 150 Mrd. Euro. Das ist dreimal so viel wie in London und doppelt so viel wie in Paris. Gleichzeitig ist die Internationalität der Besucher nirgendwo höher als hier. Insbesondere die luxussüchtigen Chinesen sind gern und oft gesehene Gäste in den Zuschauerreihen der etablieren Traditionshäuser. Mittlerweile gibt es viele Kollektionsbeschreibungen nicht nur in Italienisch und Englisch sondern auch auf Chinesisch. Auch wenn die italienische Damenmode auch in 2012 mit Umsatzrückgängen rechnen muss, bleibt Mode wichtiger Wirtschaftszweig der italienischen Ökonomie. Während die nationalen Händler weiter zurückhaltend ordern, zeigten sich amerikanische, russische und (ja, wieder die) chinesischen Einkäufer ihr Budget erhöht.

Puristisch, Wild, düster, romantisch, nostalgisch…

Prächtige Reithelme und exklusive Uniformen dominierten die Herbst/Winterkollektion 2013/14 von Moschino. Schößchenjacken, schmale Hosen und taillierte Blazer in Karooptik erinnerten an den britischen Hochadel. Wildlederfransen und Smokings ergänzten die Kollektion. Rüschenblusen und verspielte Barockmuster auf Strümpfen, Schuhen und Kleidern gaben der gesamten Kollektion einen Hauch von Verspieltheit.

Königliche Opulenz durchzog die Kollektion von Dolce & Gabbana. Goldfarbene Strickereien auf Kleidern, Hosen und Capes erinnerten mal wieder an Sizilien, dieses Mal an byzantinische Fresken. Ikonenhafte Models, christliche Motive, transparente Spitzendetails, Pailletten und mächtige Accessoires wie große Ohrringe, lange Ketten mit Kreuzen oder breite goldene Gürtel egänzten das Kollektionsbild. Zum Ende gab es ein Finale in Rubinrot und Gold – mehr ist eben mehr, zumindest bei den beiden.

Gefährliche Weiblichkeit war das Motto der diesjährigen Winterkollektion 2013/14 von Gucci. Auf einem schwarzen, wenig ausgeleuchteten Laufsteg präsentierten Femmes Fatales mit stark geschminkten Augen und wet-look dunkle Entwürfe aus Leder und Lack. Präzise Schnitte, tiefe V-Ausschnitte, taillierte Röcke und hoch geschlossene Kleider in kühlen Materialien schienen wie für Trinity aus Matrix erschaffen. Im Gegensatz dazu sorgten Federn – entweder als Print, Cape oder Verzierung an Röcken – für Zartheit. Die Abendroben kamen in bunt schimmernder Seide und Netzeinsätzen noch romantischer und feminer daher und setzten einen gekonnten Kontrast zu den harten Heldinnen am Anfang.

Moschino

Dolce & Gabbana

Gucci

Versace + Punk = Vunk,  so lautete das Motto von Donatella Versace in dieser Saison. Aber Versace wäre nicht Versace, wenn die Designerin den Entwürfen nicht ihre persönliche Note zu verleihen würde – mit eng anliegenden kurzen Vinylkleidern, Lackbodys, Miniröcken und hautengen Lackhosen. Dazu kombinierte sie weit schwingende Military-Mäntel. Bei der Farbwahl hielt sich Donatella zurück: Schwarz und Weiß bestimmten das Kollektionsbild, nur hin und wieder durchbrochen von einem kräftigen Gelb. Metallklammern, Nadeln, Nieten und Gürtelschnallen bohrten sich durch die Stoffe und betonten die rockige Punkkultur.

Auch Roberto Cavalli setzte für den Herbst/ Winter 2013/14  auf klassisches Schwarz mit einem Hauch Extravaganz. Kleider, Blazer und schmale leicht ausgestellte Hosen mit opulentem Rosendruck, kombiniert mit bunt gefleckten überdimensionalen Felljacken, wirkten „tough, boyish and cool“. Kurze Kleider mit Nieten und leicht schwingenden Röcken erinnerten an Kettenhemden. Durch auffälligen Schmuck, Smokey-Eyes und zurück gegeltem Haar stach die eher dunkle Eleganz noch mehr hervor.

Max Mara zeigte voluminöse Oversizemäntel über plüschigen XL-Pullovern, langen Cardigans, lockeren Pants oder knielangen Röcken. Gepaart wurde der lässige Look mit Ton-in-Ton gehaltenen Turnschuhen. Warme genussvolle Farben wie  Karamel, Honig und Schokoladenbraun bestimmten den ersten Teil der Kollektion. Im zweiten Teil der Show wiederholten sich die kuscheligen, skulpturalen Looks in klassischen Schwarz oder Grau, teilweise kombiniert mit Lederoveralls oder metallisch-schimmernder Garderobe.

Versace

Roberto Cavalli

Max Mara

Giorgio Armani schickte das Publikum bei Emporio Armani auf eine Reise in die goldenen 20er Jahre. Er holte die Klassiker wie weiten Tweedhosen, schmale Pullis, tulpenförmige Kleider, Jacken mit übergroßen Revers, voluminöse Mäntel und sogar Filzhüte mit neckischen Applikationen aus den Archiven. Klare Linien, weiche Formen und Sorbetfarben bestimmten die Tagesoutfits der „Flapper“ im 21. Jahrhundert. Zum Ende hin wurde es deutlich schwerer. Samtkleider in dunklem Grün oder Lila wurden fast architektonisch drapiert. Die Schultern blieben nackt, dafür umspielte unnatürliches Volumen die Oberschenkel.

Eine puristisch-edle Kollektion – so kann Jil Sanders Entwürfe am besten beschreiben. Präzise geformte Mäntel mit breiten Reverskragen und schlicht geschnittene Kleider in ruhigen satten Farbkombinationen sorgten für einen harmonischen Gesamteindruck. Wadenlange Röcke wurden mit überlangen geraden Oberteilen ohne Schnörkel kombiniert. Exquisite Faltungen wie bspw. an einem Lederrock, überdimensionale Proportionen bei Ärmeln oder minimalistisch gewagte Goldeinsätze sorgten für Aufmerksamkeit in der eher unaufgeregten Kollektion.

Emporio Armani

Emporio Armani

Jil Sander

Verrucht und unschuldig, verschlissen und adrett: Prada spielte mit Gegensätzen. Miuccia Prada verband romantisches Flair mit Grunge Feeling. Ärmellose Kleider, A-linienförmige Lederröcke wurden mit aufgeknöpften und lässigen, über die Schultern fallenden Langarmshirts kombiniert. Kostüme mit breiten Gürteln und schwingende Mäntel, teilweise mit fellbesetzten Ärmel-Säumen, zarte Vichy-Karos und glamouröse Paillettenkleider standen im Kontrast zu dem „verschlissenen“ Look der Models.

Vorsicht, wild! Wärmender und geschmeidiger Pelz tauchte bei Marni in allen Varianten auf, angefangen von Applikationen an Röckensäumen, Kragen und Handschuhen, über XL-Stolen bis hin zu kniehohen Stiefeln. Consuelo Castiglioni brachte Romantik und Coolness durch maskuline Schnittführung in Einklang. Neu war der ärmellose voluminöse Ledermantel. Nach Pelz, Leder und Mohair wurde das Thema „Wildheit“ mit Drucken von verwunschene Waldlandschaften wieder aufgenommen.

Designerin Angela Missioni präsentierte leichte Shearling-Mäntel, feine Strick-Cardigans und Anzüge, die ein wenig an Pyjamas erinnerten. Zu lockeren kurzen Kleidchen wurden locker geknotete Baderoben-ähnliche Mäntel kombiniert. Sportlich, lässig und vor allem bequem muteten die Entwürfe an. Neonakzente in Grün sowie Netz- und Chiffoneinsätze brachten Spannung und Eleganz in die Kollektion. Das typische Missioni-Zickzack-Muster wurde sparsam und dezent eingesetzt, entweder in den Strümpfen oder Ton-in-Ton auf Hosen und Anzügen.

Prada

Marni

Missioni

Ganz eindeutig lag der Schwerpunkt der Kollektion von Veronica Etro auf geschwungenen Motiven und Mustern. Ihre Inspiration war die moderne Frau im digitalen Zeitalter – immer auf der Suche und doch irgendwie tief kulturell verwurzelt. Graphische Muster trafen auf opulente Prints. Schlichte figurbetonte Kleider, Bikerjacken, schnörkellos gefaltete Röcke mit simplen Rollkragenshirts und volumeniöse Mäntel im graphischen Material- und Farbmix betonten die unterschiedlichen Welten, in der frau heute lebt. Eine Videoinstallation brachte die einzelnen Elemente der Kollektion noch intensiver zur Geltung.

Massimiliano Giornetti hatte es sich zur Aufgabe gemacht, für Salvatore Ferragamo eine moderne tragbare Kollektion ohne Extravaganzen zu präsentieren. Präzise geschnittene, gerade Mäntel und Jacken wurden mit schmalen Hosen, kurzen Kleidern, simplen Rollkragenpullovern oder Lederminiröcken kombiniert. Klares Schwarz, tiefes Nachtblau, dunkles Navy und cleanes Weiß ließen keine Abweichung in der Farbskala zu. Der Clou lag in den besonderen Materialien wie sporadisch eingesetztem glänzenden Fell, feinen Details und natürlich den Schuhen.

Tomas Maier setzte für Bottega Veneta auf architektonische Formen, handwerkliche Genauigkeit und luxuriöse Verarbeitung. Die Qualität der Kollektion machte sich nicht nur  bei den ausgeklügelten. präzisem Faltenspielen bemerkbar sondern auch bei den sich verändernden, reliefartigen Oberflächenstrukturen. Toupierte blonde Locken setzten die Mode perfekt in Szene. Anleihen aus den 40er Jahren sorgten für Feminität. Zwar gab es bunte Drucke und warme Erdfarben, kräftiges Rot oder sanftes Weiß, aber Maier kehrte immer wieder zum eleganten Schwarz zurück. Schimmernde Materialien, zarte Stickereien und abstrakte Drucke bestimmten die Abendkollektion.

Etro

Salvatore Ferragamo

Bottega Veneta

In Zusammenarbeit mit Sheela Sodhi 

Fotos: Moschino, Dolce & Gabbana, Gucci, Versace, Roberto Cavalli, Max Mara, Emporio Armani, Jil Sander, Prada, Marni, Missioni, Etro, Salvatore Ferragamo, Bottega Veneta