Seit über zehn Jahren ist Marco Tomasi der kreative Kopf hinter Strellson. Während Reiner Pichler die Unternehmensgeschicke der Marke mit dem Swiss Cross lenkt, trägt der 47-Jährige als Creative Director die Gesamtverantwortung für die beiden Kollektionen – Strellson Premium und Strellson Sportswear. 2001 kam der gebürtige Italiener mit den lachenden braunen Augen zum Kreuzlinger Menswear-Label. Davor war er in der Herrenabteilung des schweizerischen Warenhaus Globus sowie im Vertrieb für Hugo Boss und Joop! tätig. Außer Fußball begeistert sich Tomasi für gute Küche und italienische Opern.
Strellson ist die erfolgreiche Menswear-Marke der Holy Fashion Group, die unter ihrem Dach auch die Marken windsor und Joop! führt. Strellson wurde 1984 von den einstigen Hugo Boss-Inhabern Jochen und Uwe Holy gegründet.1993 kommt Reiner Pichler an Bord, der zwei Jahre später CEO der Strellson AG wird und die Marke zu einem führenden Anbieter für innovative, urbane Männermode entwickelt. Mittlerweile wird Strellson in 43 Ländern verkauft und beschäftigt global über 1.000 Mitarbeiter. Es gibt weltweit 65 Monostores sowie rund 200 Shop-in-Shop- und Soft-Flächen.
1. Woher nimmst du deine Ideen und Inspirationen für die Kollektionen?
Die Einflüsse und Inspirationen sind heutzutage riesig. In dieser Fülle muss man filtrieren und schauen, was zur Marke passt. Bei jeder Kollektion starten wir von diesem Punkt, unserer DNA, dem Kern der Marke. Dann kann es nur um bestimmte Themen gehen, alles andere würde nicht zu Strellson passen. Darüber hinaus gibt es natürlich Ideen, die neben der generellen Ausrichtung, die Details innerhalb der Kollektion beeinflussen. Das empfindet man anfangs oft als unwichtig, aber während der Kollektionsphase entwickelt es dann eine Eigendynamik, so dass man sie am Ende überall wieder findet.
2. Wie sieht sie denn aus – die Strellson DNA?
Geradlinig, ein wenig puristisch und echt. Ja, wir wollen nicht aufgesetzt sein, sondern wollen Brüche und Kontraste setzen. Und natürlich sind wir eine urbane Marke mit Schweizer Tradition. Aber uns geht es nicht darum, etwas von früher zu machen, sondern etwas von früher in die neue Zeit zu holen.
3. Es heißt, Strellson will sich verjüngen. Wie äußert sich das?
Stimmt das? (lacht) Klar machen wir mittlerweile auch viel Sportswear und sprechen auch mit der Premiumlinie eine neue Zielgruppe an, die wir als New Generation bezeichnen. Das sind Männer, die wollen Tailored tragen, obwohl sie es nicht müssen. Sie gehen ohne Regeln an die Konfektion ran, wodurch sich eine neue Spannung ergibt. Auf der anderen Seite ist Sportswear ihrerseits stark beeinflusst vom Tailoring. Beides wird dann miteinander kombiniert. Für mich ist dieses Neue ein Comeback auf der Ebene der Lust des Endverbrauchers.
4. Beeinflusst euch bei der Kollektionsentwicklung, was im letzten Jahr oder der letzten Saison gut und schlecht gelaufen ist?
Wenn wir an die neuen Kollektionen rangehen, dann machen wir uns komplett frei davon, was gewesen ist. Erst während der Kollektionsphase erkundigen wir uns danach. Das ist im Prinzip wie beim Autofahren: Die Zukunft ist die Windschutzscheibe, die Vergangenheit der Rückspiegel. So muss das Verhältnis sein. Unsere Aufgabe ist es, nach vorne zu schauen. Und jeder, der uns kennt, weiß, wie die Zukunft aussieht.
5. Wie lange arbeitet ihr an einer Kollektion im Schnitt?
Wir arbeiten parallel immer an drei Kollektionen. Wegen des Rhythmus mit zwei Pre- und zwei Main-Collections gehen die ineinander über. In der Regel brauchen wir vier, fünf Monate, bis wir mit etwas Neuem anfangen, während das Alte noch abgeschlossen werden muss. Und im Vorfeld treffen wir uns schon immer sehr früh mit den Webern.
Marco Tomasi auf der Bread & Butter im Juli 2012
Ja, so ungefähr. 60 bis 80 Prozent unserer Stoffe sind Exklusiventwicklungen. Das ist für mich Teil unserer DNA. Ich finde, die Weber sind echte Künstler und wirklich coole Leute. Die haben ein Verständnis für die Marke entwickelt und wissen genau, wie wir ticken. Eigentlich ist es schade, dass sie in Anbetracht dessen, was sie für die Designer und die italienische Textilindustrie tun, so im Hintergrund stehen.
7. Wie bist du eigentlich zum Designen und zu Strellson gekommen?
Ich bin der komplette Quereinsteiger, eigentlich wollte ich – wie wohl jeder gebürtige Italiener – Fußballprofi werden. Meine Mutter war Schneiderin, und das hat mich wohl sehr stark geprägt. Als Junge war ich ein „Sprenzel“, an mir ging keine Hose von der Stange. Also musste sie mir, bis ich 15 war, Hosen aus dem Stoff nähen, den ich ausgesucht hatte. Seit ich Anfang 20 war, hab ich dann alle Stufen durchlaufen, bis ich dann hier gelandet bin, zunächst beratend, später dann als Creative Director. Als das Angebot damals kam, wusste ich – top oder flop!
8. Als Designchef gehören neben Kreativität doch sicher auch Leadership-Qualitäten und wirtschaftliches Denken dazu. Wie wichtig sind diese Eigenschaften für dich?
Ein Designer hat gegenüber seinem Unternehmen eine wirtschaftliche Verantwortung. Heute reicht es nicht, in seinem Kämmerchen etwas Tolles zu kreieren. Wenn man etwas für eine Marke entwirft, dann muss man den POS, kalkulatorische Ansätze, das Zusammenspiel mit anderen Unternehmensbereichen und vieles mehr im Hinterkopf haben, damit das Teil dann letztlich auch auf der Stange hängt. Aber da wächst man rein, obwohl es wünschenswert wäre, wenn einige Designschulen mehr Wert darauf legen würden.
9. Und gab es in der langen Zeit bei Strellson nie den Wunsch, auch mal etwas in Richtung Womenswear zu machen?
Interessant, die Frage nach Womenswear höre ich in letzter Zeit häufiger. Den Wunsch danach gibt es bei mir allerdings noch nicht. Es gibt auch so noch so viel, was wir mit den bisherigen beiden Linien tun können. Aber irgendwann kann ich es mir schon vorstellen. Ich glaube, es wäre eine schöne Herausforderung für mich und das Unternehmen.
Bei der Herrenmode fasziniert mich gerade das Schlichte, das Minimalistische. Es ist für mich so eine Art Leidenschaft oder fast Besessenheit, so lange an den Details zu feilen, bis ich das Gefühl habe, es passt. Das ist im Prinzip so wie bei einem Risotto: Ein schlichtes Risotto mit wenigen Zutaten zu kochen, ist viel schwerer als eines, bei dem man so viel beimischt, so dass man einiges verstecken kann.
11. Was hat denn die Mode in den letzten Jahren am meisten verändert?
Die Mode entwickelt sich nicht autonom von gesellschaftlichen Entwicklungen, sondern ist Teil davon. Viele Trends kommen mittlerweile von der Straße. Darüber hinaus glaube ich, dass das iPhone viel verändert hat. Nicht nur was Informationen, Verhalten und Shopping anbelangt, sondern auch modisch gesehen, denn die Taschengrößen haben sich verändert.


