1993 Jahre nach der Geburt Christi war die Geburtsstunde der Amsterdamer Modemarke gsus (ausgesprochen wie englisch „Jesus“). Die Marke, die gerne von Skateboardern und Party-People getragen wurde, galt aufgrund der rebellischen und aufsehenerregenden Prints als impulsiver Außenseiter in der Modebranche.

gsus sindustries logo

Der typische gsus-Träger hatte wenig Sinn für Statussymbole und Klischees. Aber mit den Jahren wurden nicht nur die Träger erwachsen – auch gsus sindustries musste erwachsen werden. Nachdem die Marke 2004 ihren Höhepunkt hatte, wurde es zum Ende der Nuller-Jahre schwierig. 2010 stieg der niederländische Investor Varova ein, der die Repositionierung  eingeleitete. Mit ihm kam Jean-Pierre Raes als CEO an Bord, der gemeinsam mit Jan Schrijver, einem der Gründer und Creative Director, die Markenvision mit neuem Leben füllen sollte.

Auf der Sommer-Ausgabe der Bread & Butter erzählte Jean-Pierre uns etwas über die Veränderungen der letzten Jahre und die Pläne von gsus sindustries.

gsus_Raes + Team

Zufriedenes Trio auf der Bread & Butter: CEO Jean-Pierre Raes (Mitte) mit seinem Sales-Team

1. Euer Slogan ist „Made by instinct“ – Was steht hinter dieser Philosophie?
Wenn man sich unsere Geschichte anschaut, war gsus immer eine sehr rebellische und kreative Marke. Bei der Neuausrichtung haben wir uns gefragt, was eigentlich der Unique Selling Point von gsus ist – und unserer Überzeugung nach, ist das diese besondere kreative Energie. Aber Kreativität allein reicht heute nicht mehr. In der Vergangenheit haben wir mit provokativen Bildern und nackten Frauen geworben, aber unsere Kunden sind erwachsen geworden und so musste auch gsus erwachsen werden. Deshalb fokussieren wir uns heute auf die Grundlagen: gute Qualität, gute Fits und innovative Ideen. Eigentlich startet doch alles mit einer guten, instinktiven Idee, oder? Wichtig ist, dass man es dann richtig umsetzt. Und genau das meinen wir, wenn wir von „Made by instict“ sprechen.

2. Mittlerweile kann man also unbesorgt an religiösen Orten in einem Outfit von gsus auftauchen, oder ist immer noch beleidigend, wie es die holländische Wikipedia-Seite beschreibt?
gsus ist definitiv ruhiger geworden, deutlich weniger rebellisch. Ich würde sagen, gsus ist jetzt gesettelt, aber mit einem besonderen Twist. Wir spielen längst nicht mehr so stark mit den christlichen Motiven wie früher. Unser Logo ist bspw. nicht länger die Dornenkrone, sondern der Schriftzug „gsus industries“. Aber das T (Anm.d.R: Anspielung auf das Kreuz Jesus), das wir in die alle neuen Teile einbauen, ist geblieben.

3. Was ist dein Hintergrund und wie bist du zu gsus gekommen?
Ich habe Betriebswirtschaft studiert und meine Eltern hatten eigene Modegeschäfte, deshalb wusste ich schon immer etwas über Mode. Nach meinem Studium habe ich im Bereich Fast Consumer Goods gearbeitet. Von 2003 bis 2007 war ich schon mal bei gsus tätig, danach folgten Stationen bei Scotch & Soda und anderen Marken. Als mich der Investor vor über zwei Jahren fragte, ob ich Lust hätte zurückzukehren, hab ich diese Chance ergriffen.

gsus_best Selling Items AW12

Klassiker mit dem besonderen Twist: Die am stärksten nachgefragten Items der aktuellen H/W-Saison haben das besondere Etwas

4. Woran bestand dann deine größte Herausforderung?
Zum damaligen Zeitpunkt fehlte es an den richtigen Kollektion zum Namen, der ja vielen geläufig war. Der Schwerpunkt lag darin, das Unternehmen und die Marke zu professionalisieren und das zu liefern, was die Kunden von gsus erwarten. Das hieß, die Kollektionen mussten neu ausgerichtet und die ganzen Abläufe und Prozesse reorganisiert werden.

5. Gab es neben dem Kollektionswandel auch Veränderungen im Vertrieb?
Ja, wir haben das Sales Team komplett ausgetauscht, nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in Belgien und Deutschland. Wir arbeiten nicht mehr mit Agenturen zusammen, sondern haben eigene Mitarbeiter.

6. Ich nehme an, Holland ist als Heimatmarkt der größte Markt für euch. Wie bekannt ist gsus in Deutschland?
gsus ist in Deutschland ziemlich bekannt – jeder kennt doch schließlich gsus (Jesus), den Typen. (lacht) Nein im Ernst, viele deutsche Händler und Endkunden kennen die Marke. Aber für uns ist es jetzt eine schöne Herausforderung, die Marke in Deutschland noch stärker, insbesondere auch online, zu etablieren.

7. Wie viele Märkte bedient ihr genau? Gibt es auch Pläne für eine Expansion gen Osten?
gsus gibt es aktuell in zehn Ländern: den Niederlanden, Belgien, Deutschland, Skandinavien, Dänemark, Frankreich, Portugal, Spanien, Australien, Neuseeland und Kanada. Die osteuropäischen Märkte sind zwar sehr interessant für uns, aber der Fokus liegt momentan absolut auf unseren Kernmärkten, da wollen wir nachhaltig wachsen, bevor wir uns anderweitig orientieren.

gsus x Antoine Peters

Erkennungszeichen Bow-Tie: Mit dem Künstler Antoine Peters hat gsus eine Limited Edition Party Collection herausgebracht

8. Konzentriert ihr euch – wie andere Marken auch – zunehmend auf eigenen Retail?
Ja, obwohl unser Hauptfokus weiter beim Fachhandel liegt. Wir haben mittlerweile drei eigene Retail-Shops in den Niederlanden. Darüber hinaus gibt es andere Formate, die wir ebenfalls in gsus Shops umwandeln werden, so dass wir bis Anfang 2013 ein Retailnetzwerk von elf Shops haben sollten.
Stehen dann irgendwann auch deutsche Läden auf dem Programm?
Definitiv wollen wir auch in Deutschland mit eigenen Läden präsent sein. Wir schauen uns nach geeigneten Locations in Städten wie Köln oder Düsseldorf um. Aber gerade in Deutschland liegt unser Fokus auf Kaufhäusern und größeren Modehändlern. Unser Ziel ist es, bei allen großen Platzhirschen geführt zu werden. In Holland passiert im Moment genau das, auch in Belgien kommen wir mit dieser Strategie gut voran und wir glauben, dass wir es bald auch in Deutschland erreichen können. Bei einigen größeren Läden sind wir bereits vertreten und seit Herbst hat auch Zalando unsere Erwachsenen- und Kinderkollektionen im Sortiment.

gsus Junior_AW12

gsus Kidswear: Für Kinder, die genauso besonders sind wie ihre Eltern

9. Apropos,  wie sieht es mit eurem Kidswear-Bereich aus. Ist das Thema nach wie vor spannend für euch, denn hier auf dem Stand habt ihr die Kollektionen nicht dabei?
Wenn du willst, kann ich die dir aber gern im Lookbook zeigen. (lacht)Die Idee zur Kidswear ist, dass der gsus-Typ jetzt so 35 oder älter ist, Kinder hat und sie genau denselben coolen Look tragen wollen wie er. Wir fokussieren uns auf die Zehn- bis Zwölfjährigen, denn die geben mit ihrem Outfit ein Statement ab und zu denen schauen jüngere Kids auf. Für uns sind die Kids-Kollektionen kein unwichtiger Bereich: Kidswear hat einen Anteil von 10% am Gesamtumsatz. Wir sind kürzlich eine neue Partnerschaft mit der Kidswear-Marke Tumble ’N Dry eingegangen, die die Lizenz hält und auch den Vertrieb (in acht Ländern) übernommen hat.

10. In eurer Winter-Kollektion gibt es jede Menge Denims – sogar welche mit Aloe Vera Finish. Wie wichtig sind oder werden Jeans für gsus?
Wir sind keine Denim-Marke und wollen das auch nicht werden. Wir bieten hier einfach nur „Denims mit dem besonderen Twist“. In der Vergangenheit waren wir immer stark im Bereich Oberteile, aber ich glaube, wenn man am POS als Marke erfolgreich sein will, muss man beide Bereiche, also Ober- und Unterteile, bedienen können. Und mit Denims können wir dem Markt noch etwas Besonderes bieten.

11. Nachhaltigkeit wird gerade im Bereich Mode ein immer wichtigeres Thema. Wie steht ihr dazu?
Faire und ethisch korrekte Produktion ist für uns natürlich ein Thema, aber wir werben nicht damit. Für uns steht Qualität an erster Stelle, danach wählen wir unsere Lieferanten aus und mit diesen streben wir auch langfristige Partnerschaften an. Dabei achten wir schon darauf, dass sie soziale Standards einhalten, das gehört einfach dazu. Beim Produkt wollen wir uns in erste Linie durch besonders kreative, innovative Ideen von anderen Marken abgrenzen; Bio-Baumwolle oder recycelte Materialien sind dann in einem zweiten Schritt denkbar. Aber auch schon heute denken wir an die Umwelt: Unsere Lookbooks präsentieren wir auf dem iPad und die Order machen wir auch online – so sparen wir einen Haufen Papier.

Jean-Pierre, vielen Dank für das nette Gespräch!