Berliner Messetage: Frequenz und Potential stimmen
Ob sich das gute Gefühl von Berlin allerdings auch in die Orderbücher übertragen lässt, wird sich in den nächsten Wochen herausstellen. Berlin ist leider kein guter Indikator, um vorherzusagen, wie die nächste Saison wird, denn die Stimmung war letzte Woche - wie immer - ausgezeichnet.
Premium: Full House
Volle Stände, volle Gänge am ersten wie am zweiten Tag – und selbst am dritten Tag noch reges Treiben. Die Premium konstatiert erneut einen Besucheranstieg. Krise sieht anders aus! Und auch wenn die Häme an der Berliner Modewoche „zu viel Lokalität, zu wenig Internationalität“ zunehmend lauter wird, kann sich die Premium mit einem Anteil von mehr als 70% ausländischen Besuchern – davon je knapp ein Fünftel aus Südeuropa und Frankreich/BeNeLux – nicht beschweren. „Die Frequenz war vor allen an den beiden ersten Messetagen sehr gut. Die Stimmung war dynamisch und energiegeladen und es herrschte ein geschäftiges Treiben auf allen Flächen. Das Feedback seitens der Aussteller und Einkäufer war sehr positiv. Vor allem wurden die neuen Konzepte, das hochwertige Portfolio und die Kollektionsauswahl der Premium gelobt“, freut sich Messemacherin Anita Tillmann über ihre jüngste Messeausgabe. Insgesamt rund tausend Brands, davon 28% Neuaussteller, präsentierten über 1.800 Kollektionen. Besonders gelobt wurde die Power-Retail-Halle 8 mit Marken wie Drykorn, J.Lindeberg und Filippa K und die Konferenz #Fashiontech im Kühlhaus. Langjährige Aussteller wie Zoe Karssen werden der Messe sicher weiter treu bleiben: „Es ist unsere fünfte Saison und wir sind froh, hier zu sein. Es ist die optimale Gelegenheit, um unsere deutschen Retailer zu treffen“ so die Inhaberin des Amsterdamer Labels.
Ebenfalls positiv auch das Fazit von den beiden ebenfalls zur Gruppe gehörenden Messen Seek und Bright die auf dem Gelände der Arena zum zweiten Mal im Doppel antraten und ebenfalls einen Besucherzuwachs vermelden konnten. „Das moderne und urbane Menswear-Portfolio haben wir in dieser Saison weiterhin profiliert und professionalisiert“, beschreibt Tillmann die Entwicklung, ergänzt von Maren Wiebus, Sales Director der Seek: „Die Messe ist erwachsen geworden – wir sind stolz!“ Insgesamt waren auf der Bright über 250 Labels vertreten, die Seek präsentierte rund 500 Kollektionen.
Panorama: Groß im Geschäft
Die Panorama konnte ebenfalls an ihren ersten guten Messetag anschließen. Die Aussteller waren insgesamt zufrieden und Besucher konnten mit neuen Hallenkonzepten wie Pop Mart (Young Fashion), NOW (Pronto) und dem Nova Concept (richtungsweisende Mode und Lifestyle-Artikel) einiges Neues entdecken. Insgesamt stellte die Messe in den Hallen unterm Funkturm über 712 aus – damit war es die größte Messe bislang – und wohl auch die am besten inszenierte. Die Veranstalter gaben sich alle Mühe, Leben in die Hallen und Übergänge zu bringen. Kulinarisch wie optisch war der Food Court mit seinen Visualisierungen ein kleines Highlight. „Die Stimmung an allen drei Messetagen war optimistisch und entspannt – die neuen Segmente wurden sehr gut durchweg positiv“, so CEO Jörg Wichmann.
Show&Order: Der frühe Vogel…
Zufriedene Aussteller hatte auch die Show&Order. Die Messe, die bereits am Montag startete, hatte einen smarten Move gemacht, den Aussteller zu honorieren wussten. „Es war eine strategisch gute Entscheidung die Tradeshow mit dem Montag beginnen zu lassen. Der heutige Tag hat das wiedergespiegelt, was man auf einer Messe erwartet: Der Kunde hat sich Zeit genommen, wir haben gute Orderaufträge geschrieben und interessante Gespräche in einer relaxten Atmosphäre geführt“, berichtet Label-Inhaberin Anni Carlsson. Auch Messegründerin Verena Malta war happy mit ihrer Messe.
Groß, grün, geschichtsträchtig – und deutsch: Vier Nischen-Veranstaltungen mit Potential
Über rege Frequenz und interessante Gespräche berichten auch die anderen Messen: die Curvy, die zurück in Mitte ist, das grüne Doppel Ethical Fashion Show & Green Showroom und die Selvedge Run, die sich mit ihrer zweiten Ausgabe nicht nur deutlich zentraler, sondern ebenfalls erwachsener und umfassender präsentierte und ihre Nische in der Berliner Modemessenlandschaft gefunden hat. Sie ist der Platz für Marken mit Geschichte, und Besucher, die genau diese Geschichten interessieren. Um Hintergründe ging es auch im Postbahnhof – nur lag der Fokus auf nachhaltig und fair hergestellter Kleidung – ein Thema, was mehr und mehr an Bedeutung gewinnt und sich zunehmend auch stilistisch jenseits der hanfigen Öko-Ecke zu positionieren weiß. Großes Modekino gab es übrigens im Berliner Mode Salon im Kronprinzenpalais – ein Mekka für deutsches Design und wohl gerade deshalb schon längst kein Geheimtipp mehr für den internationalen Fachbesucher aus dem Luxus-Genre.
Berlin hat Potential – das gilt es zu nutzen
Stolz kann Berlin auf seine Modelandschaft auf sein. So vielfältig und so viel gibt es selten an einem Ort. Der Vergleich zu Mailand oder Paris hinkt (gerade auch wenn man sich die Front Row der MBFWB anschaut, aber muss dieser Vergleich denn sein. Entsteht hier nicht seit Jahren etwas, was gleichermaßen kommerziell relevant und nischentauglich ist? Streetwear trifft auf junges Design – das lockt einen Lagerfeld nicht hinter dem Ofen hervor, lässt aber Kassen in Shoppingzentren und großen Einkaufsstraßen klingeln. „Der Marktplatz Berlin ist der einzige in Europa, der zu einem so frühen Zeitpunkt ein so umfangreiches Angebot an Messen, Präsentationen und Shows aus allen Segmenten anbietet. Berlin hat sich von einem Rohzustand, einer Art Anti-Establishment und einem Kommunengefühl in eine ernstzunehmende Kreativmetropole verwandelt. Alle wichtigen Player sind hier und arbeiten daran, dass Berlin als Modemetropole wahrgenommen wird, die hochwertig sein kann, aber ihren Charme nicht verliert. Ich bin froh, dass alle Veranstalter Berlins an einem großen Ganzen arbeiten, um sich im europäischen Wettbewerb über Leistung und Kompetenz zu profilieren“, resümiert Tillmann.
Fotos: DW, M.Wüstenhagen, Marc Cain, Ethical Fashion Week, sheego, Selvedge Run, Mode Salon







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