Jacques-Antoine Granjon – der Vater der Online-Shoppingclubs, sieht sich weniger als Internethändler, sondern eher als Kooperationspartner für Marken- und Luxushersteller, die überschüssige Ware losschlagen möchten, ohne dabei den Hauch von Exklusivität und Luxus zu verlieren. vente-privee.com bietet diesen Unternehmen eine diskrete Plattform, auf der den Überbleibseln aus der letzten Saison multimedial neues Leben eingehaucht wird, um sie dann innerhalb weniger Tage in einer Verkaufsaktion mit Preisnachlässen von 50 bis 70% zu verkaufen.

Granjon startete das Abverkaufsgeschäft mit den Restposten bereits vor 25 Jahren, damals allerdings noch ohne virtuelle Verkaufsaktionen. 2001 ging der Privatabverkauf dann online. Heute ist vente-privee.com der größte Shopping-Club Europas. Das Unternehmen ist mittlerweile in sieben europäischen Märkten aktiv, zählt über 11,5 Mio. Kunden und 1.500 Mitarbeitern. Täglich werden 100.000 Artikel verkauft. jährlich gibt es 2.500 Verkauftsevents. In 2010 soll der Gesamtumsatz bei 700 Mio. Euro liegen. Damit ist dem rasanten Wachstum der letzten Jahre (2009: +33%) vorerst ein Ende gesetzt. Kürzlich startete vente-privee.com in Belgien und in Österreich. Granjon will zwar weiter expandieren, konzentriert sich momentan aber darauf, die neu gewonnene Größe zu verdauen und den Service weiter zu verbessern – denn er weiß, der nächste Shop ist nur einen Klick entfernt.
In Deutschland ist vente-privee.com seit 2006 präsent und zählt hierzulande mehr als 750.000 Mitglieder. An dem deutschen Club Brands4Friends könnten die Franzosen bald vorbei ziehen: 2010 erwartet Granjon in Deutschland einen Umsatz von über 74 Mio. Euro, was einem Plus von mehr als 70% im Vergleich zum Vorjahr entspricht.
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Auch ohne Anzug und mit langer Mähne erfolgreich: Jacques-Antoine Granjon, der Erfinder der Online-Shoppingclubs
1. Herr Granjon, was würden Sie tun, wenn es kein Internet gäbe?
Ich würde genau dasselbe tun, was ich jetzt mache. vente-privee.com ist immer noch das gleiche Unternehmensprinzip, mit dem ich vor 26 Jahren gestartet bin: ein Handelsgeschäft, das sich um die Restposten von Marken kümmert. 2001 haben wir den Technologieschub mit dem Internet genutzt, weil wir an die Idee geglaubt haben. Statt über Discountershops zu verkaufen, verkaufen wir über das Internet. Das ist im Prinzip genauso wie damals, außer, dass wir uns damit schneller entwickelt haben. Aber auch damals waren wir profitabel, hatten über 100 Angestellte und machten 40 Mio. Euro Umsatz im Jahr.
2. Rund zwei Drittel der Produkte, die sie verkaufen, sind Modeartikel, meistens für Frauen. Mode scheint also eher ein Frauenthema zu sein. Was hat Sie als Mann an dem Fashion-Business gereizt?
Mhm, interessante Frage. Das mit den Männern in der Fashionbranche ist ja im Prinzip genauso wie mit Köchen in Restaurants, da gibt es auch viel mehr männliche Köche als Köchinnen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Männer keine Kinder kriegen können, und deshalb anderweitig etwas schaffen möchten.
Streng genommen bin ich aber nicht im Fashion-Business tätig. Ich habe zwar damals mit Mode angefangen, aber ich hab mich mehr für die Handelsperspektive interessiert, nämlich Waren zu verkaufen, die die Hersteller nicht verkauft bekommen haben. Ich kaufe günstig etwas, um es dann für einen besseren Preis zu verkaufen. Um da erfolgreich zu sein, gehört es natürlich sich für Mode und Marken zu interessieren.
3. Alles was Sie bei vente-privee.com verkaufen, muss eine Marke sein – egal ob Kleidung, Kosmetik oder sogar Waschamaturen. Was genau fasziniert sie denn so an Marken?
Ich liebe Marken – alle Sorten von Marken! Marken sind fantastisch. Hinter so einem Namen steckt eine Menge Kreativität, nicht nur in der Idee an sich, sondern auch im Design und den Materialien. Es ist nicht so, dass man nur etwas Einfaches wie ein T-Shirt herstellt, das Ganze drumherum ist ein unglaublich interessanter Schaffensprozess. Und dazu kommen dann die verschiedenen Marketing- und Vertriebskonzepte. Es ist für Marken unheimlich wichtig, dass ihre Kunden diese besondere Atmosphäre fühlen, wenn sie bei ihnen einkaufen. Dieses Gefühl ist es, was eine Marke ausmacht. Was mich daran fasziniert, ist diese Wertschöpfungskette, die man zu einem simplen Produkt hinzugibt.
4. Was, glauben Sie, waren die drei wichtigsten Faktoren für den Erfolg von vente-privee.com?
Am allerwichtigsten ist sicherlich das Verständnis, von dem was man tut. Damit meine ich nicht, nur zu verstehen wie eCommerce funktioniert. Viel wichtiger ist das Know-how über unser Business, nämlich zu verstehen wie man überschüssige Waren losschlägt.
Um im Internet langfristig erfolgreich zu sein, braucht man noch zwei Dinge: guten Service und das Vertrauen der Kunden. Mein Ziel ist es, unseren Kunden die bestmögliche Servicequalität zu bieten. Bei vente-privee.com haben wir viel in unsere Prozesse, unsere Mitarbeiter und in die Kundenbeziehungen investiert. Wir wollen besser sein als andere. Gerade im Internet, wo der nächste Shop nur einen Klick entfernt ist. Um im Internet nachhaltig bestehen zu können, muss man das Vertrauen der Kunden haben. Bevor sie ihre Kreditkarte zücken, fragen sie immer erst nach Sicherheiten, Garantien etc. Und dieses Vertrauen darf man nicht enttäuschen. Wir wollen keine Kunden haben, die einmal bei uns einkaufen und dann nicht wieder kommen. Das ist furchtbar für mich und ich verstehe es nicht: Wir verkaufen eine gute Marke für einen niedrigen Preis. Warum also nicht noch mal kaufen. Wenn die Kunden nicht wiederkommen, ist das unser Problem und nicht das des Kunden. Deshalb sage ich immer, wir müssen Schritt für Schritt gehen und das Vertrauen aufbauen.
5. Wie ergeht es denn vente-privee.com auf dem deutschen Markt? Sind wir Deutschen eher schwierige Kunden?
Vente-privee.com und Deutschland – das ist im Prinzip wie eine Liebesgeschichte. Natürlich keine Liebe auf den ersten Blick, aber auf den Zweiten! Ich mag Deutschland sehr gerne, aber es nicht leicht hierher zu kommen. Man ist hier recht konservativ, zurückhaltend, fast abwartend. Aber das ist in Ordnung. Wir setzten auf eine langfristige Bindung, mit einem eigenen Büro und eigenen Angestellten. Und die Zahlen sind gut: in diesem Jahr machen wir in Deutschland 74 Mio. Euro. Das ist zwar weniger als in Frankreich, aber das ist nicht so wichtig. Aber wir wollen uns hier in Zukunft mehr etablieren.
Heißt das, dass Sie hier jetzt zum großen Schlag ausholen?
Nein, wir gehen Schritt für Schritt. Ich weiß, dass der deutsche Markt mehr für uns hergibt. Und wir sind jetzt an dem Punkt, wo wir das Vertrauen der Deutschen erworben haben. Aber wir trampeln hier nicht rein und sagen „So hier sind wir, wir sind vente-privee.com, kauft nur noch bei uns!“ Unser Plan ist, dass wir unser Angebot hier sukzessive ausweiten – langsam, aber mit viel Schlagkraft.
6. Die vente-privee.com Startpage ist immer besonders fantasievoll. Derzeit sind es Eisbären in New York, davor waren es indische Elefanten. Was hat es mit dieser kreativen Gestaltung der Homepage auf sich?
Vente-privee-Startseite: Polarbären im Central Park
Für mich ist die Startpage wie ein Schaufenster oder die Tür zu einem Laden. Als wir 2001 anfingen, haben wir diese Tür jede Woche neu gestaltet, um die Leute neugierig zu machen. Mir macht es einen Riesenspaß, die Ideen für diese „Türen“ zu entwickeln. Es ist so fantasievoll, fast poetisch. Wenngleich es ja mittlerweile keine Türen, sondern ein ganzes Universum ist. Alle 15 Tage wechseln wir jetzt die Startpage, damit unsere Kunden eine neue Erfahrung machen können. Damit unterscheiden wir uns auch von anderen Seiten, schließlich kostet so etwas viel Geld, wenn es qualitativ gut sein soll. Auf der anderen Seite geben wir kein Geld für Werbung aus.
7. Apropos, andere Seiten: Die drängen verstärkt in das Geschäftsmodell vor, das Sie erfunden haben. Wie intensiv beobachten Sie Konkurrenzangebote wie Brands4Friends oder BuyVIP oder auch was Unternehmen wie eBay oder Google im Bereich eCommerce planen?
Persönlich schau ich nicht, was die Konkurrenz macht. Wir haben zwar Teams, die schauen welche Innovationen es am Markt gibt, aber eigentlich bevorzuge ich es, die Innovationen vor den anderen zu machen. Aber klar, letztlich befinden wir uns in einem „kommerziellen Krieg“. Unsere Konkurrenz ist aber nicht nur Brands4Friends, BuyVIP oder Privalia. Auch wenn große Unternehmen wie ZARA oder H&M online gehen, greift das unser Geschäftsmodell an. Die Kunden können sich dort genauso ein T-Shirt für 20 Euro kaufen wie bei vente-privee.com. Deshalb versuchen wir den Kunden einen Mehrwert zu bieten, was sich in Qualität, Service, Aktualität und im Shopping-Erlebnis widerspiegelt.
8. Haben Sie keine Angst, dass ihnen die Konkurrenz Restposten wegschnappt?
Natürlich ist der Wettbewerb um die Produkte härter geworden. Außerdem haben viele Hersteller während der Wirtschaftskrise ihre Produktionsmengen angepasst. Dadurch wird es schwieriger an attraktive und große Mengen Restposten zu bekommen. Wenn ich sehe, dass bei einem Verkauf nicht genug für mich übrig bleibt, dann mache ich den Verkauf nicht.
9. Ganz so privat wie einst ist vente-privee.com mit über 11 Millionen Mitgliedern ja nicht mehr. Besteht nicht die Gefahr, dass die Marken auf Ihrer Plattform ihre Status verlieren und sich dadurch ihr Geschäft zerstören?
Hinter den Kulissen: Im Headoffice im Pariser Viertel La Plaine St. Denis arbeiten allein 300 Leute daran, die Waren aus der Vorsaison wieder aufzuhübschen
Nein, auf vente-privee.com verkaufen wir ja nur Sachen, die die Hersteller schon mal angeboten haben. Außerdem haben wir erst neulich eine Umfrage gemacht, wo wir festgestellt haben, dass 40% unserer Kunden nach dem Interneteinkauf in den Laden der Marke gehen, die sie bei uns gekauft haben. Das ist auch dann der Fall, wenn Sie das Produkt nicht gekauft haben. Manchmal werden die Leute erst bei uns auf eine Marke aufmerksam, die sie näher kennenlernen möchten. Da haben auch die Marken etwas davon – es ist im Prinzip ein gegenseitiges Cross-Selling. Außerdem hauchen wir den Produkten aus der letzten auf unserer Plattform wieder Leben ein – mit Trailern und schönen Fotos. Unsere Verkäufe kann man auch nicht in Suchmaschinen finden. Auch mit vielen Mitgliedern wird vente-privee.com keine Resterampe werden.
10. Und was glauben Sie, ist dann die größte Gefahr für Ihr Geschäftsmodell?
Ich bin der Meinung, dass die größte Gefahr in uns selbst liegt, nämlich in Arroganz und Ignoranz. Wenn wir uns aufführen, als würde uns die Welt gehören und so tun, als wüssten und könnten wir alles – das ist der Anfang vom Ende. Die größte Herausforderung ist, dass wir uns jeden Tag motivieren müssen, besser zu werden.
11. Und was tun Sie, um das zu erreichen – Wie sieht denn ein typischer Tag in Ihrem Leben aus?
Ich steh um sieben Uhr auf und checke sofort meine Emails und sehe mir die ersten Zahlen der aktuellen Verkäufe an. Dann warte ich eine Stunde, um sie mir erneut anzugucken. Dann weiß ich, ob es eine gute Aktion ist. Danach geh ich zum Sport und arbeite noch etwas von daheim. Mittags hab ich in der Regel ein Business-Lunch und den Nachmittag bin ich dann in unserem Office, wo ein Meeting ins nächste übergeht. Wenn meine Kinder zu Hause sind, dann gehe ich gegen acht heim. Wenn sie bei meiner Ex-Frau sind, gehe ich um zehn. Nach dem Dinner checke ich dann noch mal meine Mails und dann geh ich schlafen.
Wow, ein langer Tag!
Ja, aber wenn man so ein schnell wachsendes Unternehmen wie vente-privee.com führt, dann gibt es so viel, das man verbessern und verändern möchte. Das ist etwas, was meinen Kopf 24 Stunden am Tag einnimmt. Es gibt bei vente-privee keine Routine, jeder Tag ist neu. Von außen sieht man das vielleicht nicht, aber innen schon.





