Wer in diesem Juli auf der Bread & Butter war, dem sind an einem Stand in der ‘Fashion Now‘-Area bestimmt die sehr hübschen Dita-von-Teese-Doubles aufgefallen, die schrille, bunte Tüten im XXL-Format verteilten. Hinter diesem Marketing-Trick stehen die drei Vive Maria, Pussy Deluxe und Velvet Kitten, die unter dem Dach von Nastrovje Potsdam geführt werden und ihre Kollektionen für die nächste Frühjahr/Sommer-Saison präsentierten.
Vive Maria steht für verspielte Underwear und sexy Shirts und Kleider, die mit dem Heiligen- und Marienkult spielen. Pussy Deluxe ist das schrille, bunte und nicht weniger sexy Pop-Pendant für Luxus-Mietzen. Velvet Kitten ist die dritte und neuste Marke und richtet sich an die etwas erwachsenere Frau, die nicht auf verspielte Prints verzichten will.

Nastrovje Potdsam ist ein mittelständisches Unternehmen, das anders als der Name vermuten lässt nicht bei Berlin, sondern im Schwarzwald angesiedelt ist. Der etwas ungewöhnliche Name entstand auf einer Fahrt im Transit nach Berlin und lieferte das Motto für russische Party-Nächte im Schwarzwald, mit denen das Unternehmen anfangs, neben dem Verkauf von Platten und Merchandising-Artikeln, sein Geld verdiente. Mehr als 20 Jahre nach der Gründung hat sich das Unternehmen in ein kleines, erfolgreiches Mode – und Lizenzunternehmen verwandelt, bei dem Musik nur noch am Rande eine Rolle spielt. Mit den drei Modemarken und diversen Lizenzen macht das Unternehmen mittlerweile Umsätze im zweistelligen Millionenbereich und beschäftigt 20 Mitarbeiter.
An der Spitze stehen die beiden Gründer und Geschäftsführer Frank ‘Sutz‘ Schilling und Volker ‘Fritz‘ Wursthorn. Wursthorn verantwortet die Bereiche Vertrieb, Logistik, Produktion und Personal und Schilling ist für das Marketing und die Lizenzen verantwortlich.
Frank ‘Sutz‘ Schilling verrät wie es zu Vive Maria und Co. kam und wie das Business bei Nastrovje Potsdam läuft
1. Seit 1986 gibt es Nastrovje Potsdam und damals seid ihr als Plattenstore gestartet, richtig? Wie kam der Wechsel ins Fashion-Business?
Wir haben damals einen Store betrieben und Partys und Konzerte organisiert. Viele der von uns betreuten amerikanischen Bands hatten kein eigenes Merchandising, also haben wir angefangen, im Hinterzimmer T-Shirts zu drucken. Das war eigentlich unser erster Schritt in Richtung Textil. Irgendwann wurden die Bands größer und bekannter, und auch das Volumen stieg. Einige Zeit später als wir uns auch auf Messen wie der Inter-Jeans in Köln rumtrieben, kam uns der Gedanke, unsere eigene Modemarke zu kreieren.
2. Und das war dann im Jahr 1997 die Marke Vive Maria?
Nicht ganz, davor in den Technozeiten haben wir es zunächst mit einer Marke mit dem Namen Sixty-Nine versucht, aber das hatte nicht den Erfolg, den wir uns erwünscht hatten. Unsere Berliner Agentur Brenda Boos hat uns Ende der Neunziger einen Kontakt zu der Berliner Designerin Simone Franze, die hinter Vive Maria steht, hergestellt, und die hat uns dann ihre handgenähten Wäschesets vorgestellt. Diese Heiligen- und Marienbilder fanden wir super – also haben wir es gemacht. Mittlerweile ist das Musik-Business eher in den Hintergrund getreten, die Textil-Druckerei haben wir verkauft. Heute konzentrieren wir uns hauptsächlich auf unsere drei Marken und das Lizenzgeschäft.
Bei Vive Maria spielen Heiligenbilder mittlerweile eine weniger große Rolle - ziemlich sexy ist es aber immer noch
3. Als ihr damals mit Vive Maria gestartet seid, waren die Reaktionen ja ganz unterschiedlich. Viele, insbesondere die Kirche, haben gegen das Label gewettert und die Medien haben den Rummel aufgegriffen. Hat euch die Medien-Präsenz eher genutzt oder geschadet?
Mit diesem Medien-Echo haben wir selbst nicht gerechnet. Einige haben uns ja unterstellt, es wäre ein Marketing-Trick gewesen, aber wir wurden selbst davon überrascht, als von der kirchlichen Seite so eine Power kam. Da wir aus dem Musik-Bereich kamen, fanden wir die Teile von Vive Maria gar nicht skandalös. Im Metall-Bereich druckt man ja ganz andere Sachen auf T-Shirts. Der einzige Skandal war wohl, dass Marienbilder nun auf Unterhosen zu sehen waren. Für uns war das aber eigentlich etwas ganz Schönes – und so wurde es in den meisten Fällen ja auch angenommen. Der ganze Medienrummel hat uns aber am Anfang sehr geholfen, die Marke bekannt zu machen. Mittlerweile ist es aber ruhiger um Vive Maria geworden in Bezug auf den Rummel zum Thema Heiligenkult, da nun andere Themen den Großteil der Kollektion im Fashion Design inspirieren.
4. Im Jahr 2000 gab es dann Nastrovje-Zuwachs in Form von der Luxus-Mietze Pussy Deluxe. Was hat euch dazu inspiriert?
Nach dem Erfolg von Vive Maria haben wir mit dem Gedanken gespielt, dieser eher floral angehauchten, dezenten und auch vielleicht auch etwas dunkleren Marke ein schrilles, buntes Pendant gegenüber zu setzten. Einfach eine Marke, die von den Designs her etwas schräger und lauter ist. Fokke Hoekman, der ebenfalls in Berlin lebt und schon einige Designs und Graphiken für uns gemacht hat, hat uns dann den Charakter von Pussy Deluxe entwickelt und das war das, was wir gesucht hatten.
5. Und welche der beiden Marken ist heute mittlerweile erfolgreicher?
Im Lizenzbereich ist Pussy Deluxe größer und erfolgreicher. Für Pussy Deluxe haben wir u.a. Lizenzen im Bereich Schreibwaren (Herlitz), Parfum (Mäurer & Wirtz), Kalender (Dumont), Postkarten (Hallmark) und außerdem gibt es eine Party-Tour. Dadurch ist Pussy Deluxe in einer Vielzahl von Geschäften präsent, die wir so gar nicht erreichen könnten. Vive Maria ist dagegen viel fashionlastiger. Als Modemarke betrachtet, ist Vive Maria noch größer. Allerdings schwankt das, je nachdem was gerade im Moment angesagt ist – mal ist es schriller und bunter, mal überwiegt das dezentere.
6. Gibt es denn die typischen Pussy-Deluxe oder Vive-Maria-Trägerinnen?
Klar unterscheiden sich die beiden Marken auch nach ihrer Zielgruppe, aber wir haben festgestellt, dass sich das gar nicht so trennscharf abgrenzen lässt. Was wir manchmal für eher jung halten, dass ziehen plötzlich die Älteren an, und umgekehrt. Eigentlich gibt es kein Alters-Limit: Vive Maria wird gerne von älteren Kundinnen gut über 40 oder sogar noch älter getragen, wenn sie noch die Figur dazu haben. Sie können sich mit den Themen identifizieren und finden die Schnitte und Drucke schön, so dass sie nicht auf Marken, die eigentlich für ihre Altersklasse gedacht sind, zurückgreifen, sondern sich eher jünger kleiden. Einige greifen aber auch zu den schrillen, bunten Sachen von Pussy Deluxe, während die Jugend eher auf dezentere Teile setzt und erwachsener wirken will. Aber am Alter kann man das also gar nicht festmachen. Bei dem Thema lernen wir selbst immer wieder dazu und stellen fest, dass sich die Trends ganz schnell verschieben können.
7. Ich erinnere mich, dass ich beide Marken um die Jahrtausendwende entweder im Katalog, in großen Multibrand-Stores wie dem KaDeWe oder bei Fabrikverkäufen in Berliner Hinterhäusern gesehen habe. Es scheint, als habt ihr an dieser grundsätzlichen Vertriebsstrategie – Wholesale und Versandhandel – bis heute festgehalten. Hat sich trotzdem in den letzten zehn Jahren etwas verändert?
Stimmt, wir sind heute immer noch bei großen Multibrand-Stores wie Breuninger, in der Schweiz bei Beldona, aber auch in vielen kleinen Boutiquen vertreten und verkaufen nach wie vor viel über’s Internet. Unser Vertrieb schaut dabei, ob unsere Marken in die Läden passen – etwa im Hinblick darauf, dass er ein gewisses Standing hat und die Nische bedient, in der wir uns bewegen. Was ich schade finde ist, dass derzeit eine zunehmende Vertikalisierung stattfindet und kleine Läden immer stärker verdrängt werden. Diesen steigenden Konkurrenzdruck spürt man auch im Internet. Die Auswahl für den Kunden wird immer größer, aber ob jeder da noch auf seine Marge kommt, halte ich für fraglich. Für Mittelständler wie uns, ist diese Entwicklung nicht gerade günstig.
8. Zurzeit herrscht in der Branche ja scheinbar ungebrochener Optimismus und durch die Bank steigen die Umsätze. Wie seid ihr mit der Krise umgegangen?
Um ehrlich zu sein, lief es bei uns vor der Krise besser. Ob wir das Umsatzniveau halten oder gar steigern können, müssen wir abwarten. Insgesamt stellen wir fest, dass der Konkurrenzdruck steigt – stationär wie im Internet. Es kamen in der Vergangenheit einige Faktoren zusammen, die nicht gerade umsatzfördernd waren, wie etwa die Teuerungen durch den erhöhten Baumwollpreis. Gleichzeitig wird es immer schneller und das Angebot wird immer größer. Da wir mit unseren drei Marken eher Nischen abdecken, ist für uns der Trend zur Vertikalisierung und zu Monobrand-Stores eher schwierig, denn die kleinen Läden brechen nach und nach weg. Wenn ich mit unseren Einzelhändlern spreche, höre ich auch oft, dass es zurzeit eher schwieriger ist, da das Angebot immer größer wird und schneller wechselt. Zukünftig wird es wohl eher weniger Nischen geben als mehr. Außerdem merkt man, dass sich zwei Trends entwickeln – zum einen: Masse und richtig günstig, und zum anderen: richtig teuer und exklusiv. Das mittlere Segment, wo wir mitspielen, gerät dadurch immer mehr unter Druck. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass die Einkäufer verunsichert sind und ihnen der Mut fehlt, ausgefallenere Waren zu ordern. Wenn die Zahlen nicht mehr stimmen, gehen viele lieber auf Nummer sicher und dann fehlt da Draußen das Besondere. Grundsätzlich bin ich optimistisch, aber wir müssen uns noch mehr anstrengen, was bedeutet, dass wir noch besser Kollektionen machen müssen.
9. Und wie läuft es international für Nastrovje Potsdam? Richtet ihr euch bspw. auch verstärkt nach Osteuropa aus, weil es dort die zukünftigen Wachstumsmärkte gibt?
Wir konzentrieren uns hauptsächlich auf den deutschsprachigen Raum. Wir sind auch im Mittelmeerraum oder Osteuropa und Russland vertreten. Aber ich muss zugeben, dass es international vor der Krise besser gelaufen ist und wir den Export runterfahren mussten. Einige Länder wie Spanien und Italien sind für uns problematisch, da wir für einige Läden keine Kreditversicherungen mehr bekommen, oder, wenn wir liefern, mit Ausfällen rechnen müssen. Das liegt sicher auch daran, dass Vive Maria und Pussy Deluxe keine Hauptmarken sind, sondern „nur“ Beiwerk. Wenn es dann eng wird, werden eben eher die Hauptmarken abgenommen und ein eher kleines Unternehmen wie unseres spürt das dann schon. Auch in Russland und Osteuropa merkt man, dass viele Händler mit der Krise nicht richtig abgeschlossen haben.
10. Seit 2003 seid ihr schon auf der Bread & Butter dabei. Wie lief es für euch denn dort in diesem Juli?
Eigentlich lief es für uns ganz positiv, also viel besser als angenommen. Eigentlich hatte ich erwartet, dass jetzt nach der Krise alle im Vorfeld auch ein bisschen ehrlich sind, und zugeben, dass man nicht mehr ganz so viel Umsatz wie vor der Krise macht. Aber eigentlich war unser Stand ganz gut besucht und wir sind mit unserer Teilnahme zufrieden.
11. Zum Abschluss ein ganz anderes Thema: Gerade in letzter Zeit wird das Thema Nachhaltigkeit in der Mode zu einem immer wichtiger werdenden Aspekt. Wie sieht es bei euch damit aus?
Wir lassen fast alles in einer Produktionsstätte in der Türkei fertigen, die fast ausschließlich für uns produziert. Mit den Designern fliegen wir dort oft hinunter und arbeiten mit den Leuten vor Ort zusammen. Worauf wir viel Wert legen, ist dass es dort fair abläuft, d.h. dass die Arbeitsbedingungen stimmen, die Löhne angemessen sind und die Produkte ihrem Preis entsprechen. Wir haben eine sehr geringe Retourenquote, so dass wir diese Standards zurückgespiegelt bekommen. Ich persönlich würde gerne selbst mehr Organic machen, weil ich selbst auch eher eine ökologisch-nachhaltige Lebenseinstellung habe. Aber im Moment ist es nicht die Zeit für uns, grundsätzlich schließen wir es aber für die Zukunft nicht aus. Wenn wir so etwas machen, muss es aber nicht nur ein „ökologisches Etikett“ sein, sondern auch insgesamt stimmen – das ist uns wichtig.





