Maßbekleidung – das hat in England Tradition, ist aber nichts für deutsche Kunden, so die landläufige Meinung im deutschen Textilhandel. Ulrich Hesse, Christian Tietz und Ebbo Tücking, drei Absolventen der Universität Münster, widerlegen dieses Vorurteil 1997 in der Marktstudie „Maßbekleidung gefertigt in Deutschland“ – und machten daraus promt einen erfolgreichen Businesscase.

Mittlerweile ist das von ihnen gegründete Unternehmen unter dem Namen cove&co mit neun Ateliers in Düsseldorf, Essen, Bochum, Dortmund, Köln, Wiesbaden, Frankfurt, Hamburg und Berlin präsent – oftmals in historischen, dem Zeitgeist trotzenden Häusern, die das Flair der Savile Row atmen. Und die Expansion soll weitergehen – mittelfristig soll es cove&co in ganz Deutschland und im deutschsprachigen Ausland geben.

Die Produktpalette umfasst neben Herren-Maßbekleidung wie Anzüge, Hemden oder Mäntel auch das passende Schuhwerk, Wäsche, Accessoires sowie Düfte und seit 2004 auch Damengarderobe. Handwerklich exzellente Arbeit, beste Zutaten und ein Gespür und Zeit für den Kunden zeichnen den Service von cove&co aus. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Perfekt sitzende Kleidung, die international gültig und jahrelang tragbar ist.


Prof. Dr. Ebbo Tücking, einer der Gründer und Geschäftsführer von cove&co

1. Sie haben bewiesen, dass man mit Maßbekleidung in Deutschland offensichtlich doch Geld verdienen kann. Was hat der deutsche, klassische Textilhandel denn nicht gesehen, was sie damals 1999 bei der Gründung von cove&co doch gesehen haben?
Unsere Studie hat offenbart, dass die Kunden mit der Passform von Stangenware hadern. Zudem sind sie bereit, auf ein individuelles Kleidungsstück auch vier Wochen zu warten und einen Aufpreis von 10-20% gegenüber der Stangenware zu zahlen. Wir haben darin eine interessante Nische gesehen. Eine Nische wird es aber auch bleiben, denn der Markt für hochwertige klassische Kleidung ist leider kein Wachstumsmarkt.

2. Hat sich denn auch der Stil deutscher Männer in punkto Dresscode in den letzten Jahrzehnten geändert?
Der gute Bekleidungsstil ist einer fortschreitenden Erosion ausgesetzt. Der Dresscode ist nun mal überwiegend casual. Aber Bewegungen erzeugen auch immer Gegenbewegungen. Eine kleine, aber wachsende Gruppe nimmt die klassischen Dresscodes wieder ernst und hat zudem Freude daran, sich von der Masse stilistisch abzuheben. Als Anzugträger kann ich bestätigen: Ein perfekt sitzender Anzug, ein Maßhemd, ggf. ein Paletot, dazu sorgfältig ausgewählte Accessoires verfehlen ihre Wirkung nicht.

Das cove&co Atelier in Düsseldorf erinnert an den Charme von Londons Savile Row

3. Immer wieder hört man, dass viele traditionelle und alteingesessene Herrenschneider und -ausstatter Insolvenz anmelden oder schließen müssen. Was macht cove&co denn anders bzw. besser als die Konkurrenz?
Wir haben uns konsequent auf das Thema spezialisiert. Wir verkaufen nicht nur Maßbekleidung, sondern sind Stilberater, schaffen angenehme Einkaufswelten und unsere erfahrenen Maßschneider erbringen für unsere Kunden eine handwerkliche Dienstleistung, die sie in einem so guten Preis-Leistungsverhältnis nirgendswo bekommen.

4. Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen Ihren Kunden in Berlin und Frankfurt oder Düsseldorf?
Unser typischer Kunde verdient in seinem Anzug sein tägliches Brot – als Rechtsanwalt, Steuerberater oder Manager. Diese Art von Kunden unterscheiden sich tatsächlich wenig voneinander. Auch der Bräutigam auf der Suche nach seinem Hochzeitsanzug hat ähnliche Anforderungen an seine Bekleidung, egal ob Berlin oder Bochum.

5. Prozentual gesehen: Wie viele Frauen lassen bei Ihnen schneidern?
Die Damen sind mit etwa 20% am Umsatz beteiligt. Immerhin! Der Maßanzug hat aber unter Männern eine längere Tradition und eine höhere Begehrlichkeit.

6. Im Internet tummeln sich immer mehr Onlineschneidereien. Steht dieser Service in Konkurrenz zu Ihrem Angebot oder glauben Sie, dass Maßbekleidung/-konfektion nur vor Ort geleistet werden kann?
Es gibt Produkte, die sehr geeignet sind für den Internetvertrieb und andere, die es nicht sind. Maßkleidung zählt definitiv zu den Letzteren.

Nicht nur Maßbekleidung, sondern Stilberater in einer angenehmen Einkaufswelt

7. Auch große Modehäuser wie Hugo Boss oder Gucci setzen auf einen exklusiven Maßanfertigungsservice und bewerben diesen immer stärker. Gucci hat z.B. James Franco als Testimonial gewonnen. Wenn Sie wählen könnten, wer wäre Ihr Lieblingstestimonial für cove&co?
Wir arbeiten nicht mit Testimonials und haben es bisher sogar vermieden mit Models zu arbeiten. Auf unseren Seiten im Katalog und im Internet werden Sie eher historische Personen und Szenen finden. Aber ich möchte der Frage nicht ausweichen: Cary Grant zum Beispiel ist ein von uns gern dargestellter Gentleman. Der Cary Grant de nos jours ist wohl am ehesten Georg Clooney, aber der wirbt ja schon für Kaffee.

8. Auch wenn sich für den Laien offensichtlich nicht viel ändert, geht ja auch Maßbekleidung mit dem Trend. Was wird denn im nächsten Jahr bei Farben, Schnitten oder Stoffqualität besonders gefragt sein?
Natürlich ist auch Maßkleidung Moden unterworfen. Der Trend zu körpernahen Anzügen wird noch ein bisschen anhalten. In Bezug auf Farben, Schnitten und Stoffen geht der Trend dahin, wieder jahreszeitlicher zu ordern. Also weg vom langweiligen Ganzjahresanzug und hin zum Flanell für den Winter und zur Baumwolle für den Sommer.

9. Stilfrage 1: T-Shirts, Unterhemd oder gar nichts unter dem Hemd?
Im Sommer gar nichts, im Winter Unterhemd, gern langärmelig, um die optisch unschöne Kante am Ende des T-Shirt-Ärmels zu verhindern.

10. Stilfrage 2: Wenn man(n) nur einen Anzug hätte, wie sollte der „Klassiker“ aussehen?
In Deutschland wäre das wohl ein anthrazitfarbener Alltagsanzug. In England würde man eher dunkelblau wählen.

11. Und wie viele Anzüge haben Sie aktuell in Ihrem Kleiderschrank und wie viele kommen jedes Jahr hinzu?
Ich habe etwa 30 Anzüge und damit bin ich noch kein Sammler. Wichtig ist mir, jede Kategorie angemessen abzudecken, d.h. mehrere Flanells für die kalte Jahreszeit, Tropicals für den Sommer und so weiter. Da ich mich am wohlsten in Baumwollanzügen fühle und diese nicht so lange halten, werden jedes Jahr fünf bis zehn Anzüge ersetzt.