Keine Frage, Anita Tillmann hat den Modestandort Berlin geprägt wie keine andere. Spricht man mit ihr, spürt man ihre Leidenschaft für Mode, für Berlin und für junge Talente.
Vor über elf Jahren gründete sie die PREMIUM, die mittlerweile über 1.500 Kollektionen zeigt. 2003 war das Portfolio mit 70 Brands deutlich kleiner, aber nicht weniger eindrucksvoll. Die PREMIUM unterstütze von Anfang an Berliner Designer und prägte in den nachfolgenden Saisons den Begriff „Premium-Denims“. Die PREMIUM-Macher überzeugten die IMG, 2007 in Berlin mit einer Fashion Week an den Start zu gehen. Mit ihrem Engagement und ihrem Durchhaltewillen sorgte Anita Tillmann mit dafür, dass der Modestandort Berlin aus der internationalen Messelandschaft nicht mehr wegzudenken ist.
Anita Tillmann ist eine toughe Geschäftsfrau, die schnell auf den Punkt kommt, weiß, was sie will, und ausspricht, was sie denkt – immer getrieben von dem eigenen Anspruch und ihrer Leidenschaft für Mode. Gleichzeitig ist die Powerfrau Mutter von Zwillingen und wuppt damit jeden Tag zusätzlich die alltäglichen „Mütter-Herausforderungen“. Respekt!
1. Was erwartet den Fachbesucher bei der nächsten Ausgabe der PREMIUM in Berlin?
Neben den neuen Kollektionen der Saison Frühjahr/Sommer 2015 und rund 20 bis 30 Prozent neu kuratierten Marken arbeiten wir kontinuierlich an der Optimierung der PREMIUM für Industrie, Aussteller und Einkäufer. In diesem Rahmen konzentrieren wir uns auf den Ausbau der B2B- Services sowie der Optimierung der Hallenstruktur und -führung. In diesem Zuge ziehen die Accessoires nach oben und die Herrenkollektionen rücken nach unten, dichter an die Sportswear heran.
2. Du betonst immer, dass du viel Wert auf ein sorgfältiges Portfolio legst. Wie läuft dieser Kuratierungsprozess genau ab?
Im Gegensatz zu einigen anderen Messen, die mit Flächenvermarktern arbeiten, sind wir ein hochprofessionelles, erfahrenes Fashion-Team, das Markt und Branche bestens kennt. Unser Team hat ein gutes Fingerspitzengefühl dafür, was modisch tatsächlich relevant ist. Der Kuratierungsprozess ist dabei ein Mix aus Recherchieren, Reisen, sich vieles Neues ansehen. Davon abgesehen, haben wir natürlich mittlerweile sehr viele Anfragen aus der ganzen Welt, die dann in den bestehenden Kontext eingearbeitet werden. Wir entscheiden: Passt das in unser Konzept und ist es relevant für unsere Besucher oder nicht.
3. Mittlerweile gibt es über 1.500 Kollektionen auf der PREMIUM. Einige Besucher kritisieren, dass es ihnen zu unübersichtlich wird, und sie Angst haben, dass die neuen Labels und Designer überhaupt liefern können. Wie stehst du zu diesen Punkten?
Das sind zwei Fragen in einer. Es wurde noch niemals behauptet, dass Einkaufen ein leichtes Geschäft ist. Die Anforderungen des Marktes ändern sich ständig. Mode ist ein extrem schnellebiges Geschäft, dem man sich anpassen muss, und Handel ist harte Arbeit. Die PREMIUM ist ein Marktplatz, natürlich gibt es viele Informationen, die ein Einkäufer verarbeiten muss. Im Sinne des Händlers, bündeln wir das Angebot nach Segmenten und bestücken die Hallen so, dass Kollektionen logisch zusammenpassen. Außerdem haben wir ein Matchmaking-Tool, das den Einkäufern gemäss ihres Profils thematisch passende Kollektionen empfiehlt. Wenn man zwischendurch eine Pause braucht, gibt es schöne Catering-Bereiche, in denen man sich ausruhen kann, bevor man das nächste Segment angeht.
Die andere Frage ist, ob die Leute Angst vor Neuem haben, Angst davor, Entscheidungen zu treffen. Grundsätzlich ist Angst immer ein schlechter Ratgeber. Als Einkäufer muss man entscheiden, ob man mit Newcomern in Kontakt treten will und ob man in seinem Ort derjenige sein will, der die Fashion-Kompetenz ins Sortiment trägt. Wenn man sich entscheidet, neue Produkte zu featuren und mit bestehenden, bekannten Brands zu mixen, dann geht man prinzipiell schon ein Risiko ein. Wenn man eine Kollektion von einem Jungdesigner oder einer neuen Brand aufnimmt, baut man natürlich deren Namen mit auf. Gleichzeitig aber erhält man die Chance, sich dadurch den Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Händlern zu erarbeiten, etwas Besonderes zu zeigen, das die nicht haben. Einkäufer, die das Erlebnis „Markt“ überfordert, denen würde ich raten: „Geht in die Showrooms von marketing-getriebenen Brands. Da wisst ihr, was ihr kriegt, und da wird euch alles abgenommen.“ Einige Einkäufer befolgen diesen Rat, andere probieren sich trotzdem.
4. So eine marketing-getriebene Strategie bringt den Handel aber natürlich auch in Bedrängnis, weil die Konkurrenz dort größer ist. Was glaubst du, was macht erfolgreiches Ordern aus?
Da gibt es diverse Ansätze und diverse Lösungen. Nicht zuletzt, weil die Einkaufsbedürfnisse verschieden sind – allein in Deutschland und international sowieso. Auch die Budgets sind unterschiedlich: Department-Stores arbeiten mit ganz anderen Margen als unabhängige Multibrand-Stores. Jeder Einkäufer muss seinen Weg finden. Einige, wie z.B. Evelyn Hammerström von Jades, entscheiden viel aus dem Bauch heraus. Diese Art Einkäufer wissen, wer ihre Kunden sind und was sie wollen. Andere gehen sehr analytisch mit einem komplett durchgetakteten Termin-Kalender über die Messe. Sie wissen aufgrund der letzten Saison genau, wie das Sortiment aufgebaut sein sollte. Wichtig ist, dass man sich positioniert. Wer sich nicht positioniert, kann meines Erachtens langfristig keinen Erfolg haben.
5. Sollte der Handel also mutiger werden, statt sinkende Umsätze dem Wetter zuzuschreiben oder auf die Konkurrenz im Netz zu schieben?
Wer seine Hausaufgaben macht, braucht keine Angst zu haben. Als Händler muss man sich mit seinem Wettbewerb messen – egal ob online oder stationär. Ein Händler sollte sich seiner eigenen Vor- und Nachteile bewusst sein und diese entsprechend nutzen. Gerade im stationären Handel ist es ein Vorteil, den Kunden direkt zu kennen. Dann weiß man, was dieser das letzte Mal gekauft hat und welche Marken er bevorzugt. Und sobald etwas Passendes reinkommt, nimmt man Kontakt zum Kunden auf. Was ich damit sagen will: Nutze dein Potential, baue deine Vorteile aus, und sei dir darüber immer bewusst.
6. Du unterstützt Berlin sehr stark darin, als Modestandort zu wachsen. Im internationalen Kontext steht die Stadt in seiner Qualität und Quantität ausgezeichnet dar, trotzdem hat man das Gefühl, dass Berlin im Vergleich zu Paris, Mailand oder London irgendwie hintenan steht. Woran liegt das?
Das kann ich so nicht bestätigen. Auf der PREMIUM haben wir rund 80 Prozent internationale Besucher und einen genauso großen Anteil internationaler Brands. Wir werden auch sehr stark in der internationalen Presse gefeatured. Für uns – das heisst PREMIUM und SEEK – können wir das also nicht bestätigen. In Gesamtberlin muss man es wohl differenziert sehen. Die Bread & Butter kann sich über Internationalität wohl auch nicht beschweren. Weniger international ist die Berliner Modewoche und die Schauen. Das liegt daran, dass die Designer, die dort gezeigt werden, international noch keine große Relevanz haben. Wir haben nach Jil Sander und Wolfgang Joop keine deutschen Stars, aber ich glaube fest daran, dass der nächste Star hier in Berlin geboren wird. Wer es genau sein wird, kann ich nicht sagen. Lala Berlin ist ein guter Kanditat, auch Michael Michalsky oder Augustin Teboul. Dass Berlin in diesem Punkt in der Presse auch hinten an steht, hat wohl auch ein bisschen mit der Stadt zu tun; Paris und Mailand geben viel Geld und Support. In Berlin dagegen haben wir die letzten Jahre Sisyphos-Arbeit geleistet, um diese geballte Kraft im Zentrum Europas zu schaffen. An diesem Punkt müssen Wirtschaft und Politik aktiv werden und sich engagieren,. Das Land gibt so viel Geld, wie es hat, aber letztlich ist es nicht genug, um Berlin dort zu positionieren, wo es eigentlich hingehört.
7. Düsseldorf ist für dich als Messeveranstalter als Standort nicht mehr interessant, in München gibt es dagegen Wachstumspotential. Da wird die PREMIUM auch mit der Munich Fabric Start zusammenarbeiten. Gibt es schon konkrete Pläne, wie das aussehen kann?
Wir ziehen dort mit der Premium in das MOC, das mit 30.000 Quadratmetern Wachstumsmöglichkeiten bietet. Beim ersten Mal werden wir drei Hallen bespielen, in der nächsten Saison schon vier. Dauerhaft wird es sogar Showrooms geben, um denen, die länger schreiben wollen, die Möglichkeit zu geben, länger zu bleiben. Die PREMIUM ORDER MUNICH ist schon jetzt die größte deutsche Vertriebsplattform und wird in Zukunft noch weiter ausgebaut.
8. Wenn man die Geschichte der PREMIUM kennt, geht es immer nur nach oben – mehr Aussteller, mehr Besucher. Ist es nicht schwierig, dieses Streben nach Mehr aufrechtzuerhalten?
Unser Ansatz ist ja nicht nur „Mehr“ sondern vor allem „Besser“. Unser Konzept ist heute immer noch dasselbe, wie es bei Beginn war. Es war immer fokussiert auf Qualität und nicht auf Quantität. Unser strategischer Ansatz war immer auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit ausgelegt, nicht auf kurzfristige Erfolge. Das hat unternehmerisch teilweise auch weh getan hat, weil wir Aussteller, die nicht in unser Konzept passten, wegschicken mussten. Wir arbeiten stetig daran, das Konzept weiter zu entwickeln. Im nächsten Winter werden wir in Halle 8 eine neue Area bespielen, wo es um Luxury und Pre-Collections geht.
9. Was ist denn dein Wunsch, wo bzw. wofür die PREMIUM in zehn Jahren stehen soll?
Es ist nicht einfach, zehn Jahre voraus zu schauen, aber wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann, dass wir unsere Messen in Berlin und München weiter verbessern und ausbauen. Wir arbeiten in München mit einem sehr starken Schuh- und Accessoires-Bereich, da kann ich mir vorstellen, dass dieser sich in Zukunft abkapselt und ein eigenständiges Format wird. Irgendwann werden wir die Premium sicherlich auch internationalisieren und Footprints in anderen Ländern setzen – entweder mit fortführenden Konzepten in unserem Markt oder mit adaptierten Konzepten in anderen Märkten. Ansonsten möchte ich, dass die PREMIUM weiterhin die größte und wichtigste Modemesse im hochwertigen Bereich ist und bleibt.
10. Themawechsel: Eine Frauenzeitschrift hat dich zur bestangezogensten Frau Deutschlands gewählt. Wie groß ist dein Kleiderschrank und wie viel Zeit brauchst du, um dein Outfit zusammenzustellen?
Mein Schrank ist eigentlich gar nicht so groß. Ich tausche von Saison zu Saison viel aus. Die andere Frage würde ich am liebsten beantworten mit: „Super simpel, ich weiß jeden Morgen sofort, was ich anziehe…“ – aber das wäre gelogen. Es ist ein Desaster – jeden Morgen. Ich sitze vor meinem Schrank und habe nichts zum Anziehen. Bei meiner einen Tochter ist es übrigens genauso. Wenn ich Events habe, dann überlege ich schon lange vorher: Was ist der Anlass, wer ist sonst noch eingeladen, nehme ich mich zurück oder will ich lieber auffallen, lieber Flats oder Highheels. Für mich ist Kleidung auch eine Frage von Respekt und, ob ich mein Gegenüber ernst nehme.
Und wo kaufst du ein?
Ich kaufe viel online ein: Jades24, Apropos, mytheresa, matchesfashion, stylebob… Hier in Berlin bei TheCorner, im KaDeWe oder auch bei diversen Monolabel-Stores den Ku’damm rauf und runter. Ansonsten kaufe ich viel, wenn ich auf Reisen bin. Ich kaufe gerne viel ein – leider…
11. Du bist Mutter von sechsjährigen Zwillingen? Wie schaffst du es, Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen?
Bei dem ganzen Glück, dass Kinder einem geben, ist es natürlich eine enorme Herausforderung, daneben noch zu arbeiten und Vollgas zu geben. Bei uns ging das nur mit Kinderfrau, beiden Omas und sehr wenig Schlaf. Mittlerweile schlafe ich mehr, aber dafür benötigen die Kinder jetzt mehr Aufmerksamkeit. Zeit für mich gibt es nicht – entweder ich bin zuhause mit den Kindern oder ich arbeite, dazwischen gibt es nichts. Eigentlich habe ich es mir total abgewöhnt, Freizeit zu haben. Ich glaube, ich wüsste auch gar nicht mehr, was ich mit der freien Zeit anfangen würde.
Fotos: Premium Exhibitions





