Weniger ist eben weniger: Momentan ist die deutsche Bekleidungsindustrie noch relativ stark aufgestellt, doch klassische Vertriebswege verlieren an Bedeutung, und Wachstum gibt es nur noch in wenigen Bereichen. Doch die Branche tut sich schwer, Auswege aus dem Dilemma zu finden.

„Ob alle deutschen Modemarken die angesagte „Vertriebswende“ überleben, lässt sich schwer abschätzen“, sagen Hugo Reissner, Gunter von Leoprechting und Andreas Kreutzer

Mit einem Marktanteil von 65% dominiert die deutsche Bekleidungs-industrie den heimischen Modemarkt. Doch das Geschäftsmodell ist immer weniger wettbewerbsfähig – laut einer Marktstudie des Beraternetzwerks Kreutzer Fischer & Partner könnte der Marktanteil in 2020 auf 55% geschrumpft sein.

Aktuell geben Deutsche jährlich rund 52 Mrd. Euro für Bekleidung und Schuhe aus – rund zwei Drittel dafür für deutsche Marken. „Doch der Erfolg im Inland ist zunehmend gefährdet“, meint Hugo Reissner, Partner des Beraternetzwerks und ehemaliger CEO von CBR. „Verantwortlich dafür ist zum einen ein stagnierender Markt, zum anderen ein rasanter Strukturwandel in der Bekleidungsindustrie“, so Reisser weiter. Nominal betrachtet stagnierten die Ausgaben für Mode in den letzten zehn Jahren, im HAKA-Bereich sanken sie sogar. Mit gravierenden Folgen für die Branche: Wachstum gibt es nur noch in den Preiseinstiegs- oder in den Premiumpreislagen, was zu einem „brutalen Verdrängungswettbewerb“ führte. Dazu kommt, dass die traditionellen Vertriebswege über Modekaufhäuser und einen markenunabhängigen Fachhandel immer mehr Marktanteile verlieren. Während sich der Anteil des Fachhandels seit 2001 auf 18% halbierte, stehen der vertikale Einzelhandel und der Versand- bzw. besser Onlinehandel mittlerweile für knapp die Hälfte der Umsätze. Die Rückgänge im Fachhandel und den Kaufhäusern sind absehbar – und damit sinken auch die Umsätze, die die Branche dort erzielt.

50.000 von 450.000 Arbeitsplätzen in der heimischen Textilindustrie werden wohl verloren gehen

Problem erkannt, aber nicht gebannt

Einen Ausweg, wie man diesem Trend entgegentreten könnte, haben die Unternehmen nicht – vielmehr macht sich „eine Art der Realitätsverweigerung“ breit. Die eigene Vertikalisierung – egal ob stationär oder online – ist schwierig, denn sie erfordert ein Umdenken des gesamten Geschäftsprozesses, schließlich ist nicht länger der Einkäufer sondern der Endkonsument Kunde. Außerdem ist der eigene Retail nicht immer günstig, wie „Hybrid-Anbieter“ wie s.Oliver, Gerry Weber oder Tom Tailor erfahren. Sie kämpfen wie die ähnlich agierenden Großhandelsholdings Steilmann/Radici, Winter, Leineweber, Hauber oder Seidensticker mit ihren Kostenstrukturen. Die Finanzierung neuer Geschäftsmodelle ist „schwierig wie lange schon lange nicht“, so Gunter von Leoprechting. Viele Anbieter verschließen die Augen und machen „weiter wie bisher“ (37%), hoffen auf einen Verkauf an Investoren, Mitarbeiter oder Management oder planen die Übergabe an die nächste Generation. Doch abgeschoben ist nicht aufgehoben: Die Problematik bleibt bestehen und wird sich wohl weiter verschärfen. Bei dem prognostizierten Marktanteilsverlust um 10% auf 55% stehen rund 50.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Mehr Infos hier: Kreutzer Fischer & Partner – Deutsche Bekleidungsindustrie kämpft mit Strukturwandel

Foto und Graphiken: Kreutzer, Fischer & Partner